Das eigentliche KI-Problem ist kein Technikproblem, sondern ein Entscheidungsproblem

Wenn über die Risiken und Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz gesprochen wird, richtet sich der Blick fast reflexartig auf die Technik. Modelle werden grösser, Rechenleistung steigt, Systeme werden schneller und autonomer. Daraus entsteht die Sorge, KI könne den Menschen technisch überholen und damit ausser Kontrolle geraten. Diese Sorge ist verständlich, greift jedoch zu kurz. Denn das eigentliche Problem liegt nicht in der Leistungsfähigkeit der Systeme, sondern in der Art und Weise, wie Entscheidungen rund um diese Systeme getroffen werden.

 

Künstliche Intelligenz überfordert nicht unsere Rechenleistung. Sie überfordert unsere Entscheidungsstrukturen. Je leistungsfähiger KI wird, desto deutlicher treten Schwächen zutage, die bereits zuvor existiert haben, aber weniger sichtbar waren. KI wirkt dabei nicht als Ursache, sondern als Verstärker. Sie beschleunigt Prozesse, verdichtet Informationen und macht Entscheidungen unumkehrbarer. Genau dadurch geraten bestehende organisatorische und institutionelle Strukturen an ihre Grenzen.

 

In vielen Organisationen ist Verantwortung diffus verteilt. Zuständigkeiten sind historisch gewachsen, Entscheidungen werden in Gremien getroffen, Eskalationswege sind lang oder unklar. Solange Entscheidungen langsam und inkrementell erfolgen, bleibt diese Unschärfe oft folgenlos. KI verändert diese Ausgangslage fundamental. Wenn Systeme in Echtzeit Empfehlungen geben, Prognosen erstellen oder Entscheidungen vorbereiten, steigt der Druck, schnell zu handeln. Doch Geschwindigkeit ersetzt keine Verantwortung.

 

Ein zentrales Missverständnis besteht darin, KI als Entscheidungsinstanz zu betrachten. In der Praxis trifft KI keine Entscheidungen. Sie erzeugt Vorschläge, Bewertungen oder Priorisierungen. Die eigentliche Entscheidung bleibt – zumindest formal – beim Menschen oder bei der Organisation. Genau hier entsteht jedoch ein Problem. Je komplexer und leistungsfähiger ein System wird, desto schwieriger wird es, diese formale Verantwortung tatsächlich wahrzunehmen. Entscheidungen werden faktisch delegiert, während die rechtliche oder ethische Verantwortung beim Menschen verbleibt.

 

Diese Verschiebung ist gefährlich. Nicht weil KI „falsch“ entscheidet, sondern weil unklar bleibt, wer eingreift, wenn Entscheidungen fragwürdig sind. In vielen Organisationen existieren keine klaren Regeln dafür, wann ein KI-System überstimmt werden darf oder muss. Es fehlt an definierten Eskalationsmechanismen, an klaren Zuständigkeiten und an Entscheidungslogiken, die mit Unsicherheit umgehen können. KI macht diese Defizite sichtbar, weil sie Entscheidungen nicht nur vorbereitet, sondern strukturiert.

 

Hinzu kommt, dass KI häufig als neutral oder objektiv wahrgenommen wird. Diese Wahrnehmung verleiht algorithmischen Empfehlungen ein besonderes Gewicht. Entscheidungen, die früher als subjektiv oder politisch galten, erscheinen plötzlich technisch begründet. Das verändert Entscheidungsprozesse tiefgreifend. Wo früher argumentiert und abgewogen wurde, wird heute gerechnet und optimiert. Das Problem liegt nicht in der Berechnung selbst, sondern darin, dass normative Fragen stillschweigend in technische Systeme verlagert werden.

 

Gerade in komplexen Organisationen entsteht dadurch eine neue Form der Verantwortungslosigkeit. Entscheidungen werden getroffen, ohne dass sich jemand wirklich für sie zuständig fühlt. Der Verweis auf „das System“ ersetzt die Auseinandersetzung mit Zielkonflikten und Wertfragen. KI wird so zum bequemen Ausweg aus unbequemen Entscheidungen. Nicht aus bösem Willen, sondern aus struktureller Überforderung.

 

Dieses Muster ist besonders im öffentlichen Sektor sichtbar, aber keineswegs darauf beschränkt. Auch Unternehmen stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Wenn KI Prognosen liefert, Risiken bewertet oder Prioritäten setzt, stellt sich die Frage, wer diese Ergebnisse interpretiert und in welchem Rahmen sie hinterfragt werden dürfen. Ohne klare Entscheidungsstrukturen wird KI entweder überschätzt oder ignoriert. Beides ist problematisch.

 

Das eigentliche Risiko liegt daher nicht in autonomen Systemen, sondern in unklaren Entscheidungsarchitekturen. KI zwingt Organisationen, explizit zu machen, was bisher implizit geblieben ist: Wer entscheidet was? Auf welcher Grundlage? Mit welcher Legitimation? Und wer trägt die Verantwortung, wenn sich Entscheidungen als falsch erweisen?

 

Diese Fragen lassen sich nicht durch technische Optimierung lösen. Sie verlangen nach organisatorischer Klarheit. Verantwortungsvolle KI-Nutzung setzt voraus, dass Zuständigkeiten eindeutig definiert sind. Es braucht klare Rollen, transparente Entscheidungswege und nachvollziehbare Eskalationsmechanismen. Entscheidungen müssen nicht nur getroffen, sondern auch begründet und revidierbar sein. Ohne diese Voraussetzungen bleibt KI ein Fremdkörper in der Organisation.

 

In diesem Sinne ist KI kein technisches Innovationsprojekt, sondern ein Testfall für Führungs- und Entscheidungsfähigkeit. Sie legt offen, ob Organisationen in der Lage sind, mit Unsicherheit umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Wo diese Fähigkeit fehlt, wird KI nicht produktiver, sondern gefährlicher. Nicht, weil sie versagt, sondern weil sie in Strukturen eingebettet ist, die ihrer Dynamik nicht gewachsen sind.

 

Langfristig wird sich der Erfolg von KI weniger an der Qualität der Modelle messen, sondern an der Qualität der Entscheidungsprozesse, in die sie eingebettet sind. Organisationen, die KI erfolgreich nutzen wollen, müssen daher nicht primär in Technik investieren, sondern in Entscheidungsfähigkeit. Dazu gehört die Bereitschaft, Verantwortung nicht zu delegieren, sondern bewusst wahrzunehmen.

 

Das eigentliche KI-Problem ist kein Technikproblem. Es ist ein Entscheidungsproblem. Wer das erkennt, verschiebt den Fokus von Modellen und Algorithmen hin zu Führung, Governance und organisationaler Reife. Und genau dort entscheidet sich, ob KI zum Risiko oder zum Werkzeug verantwortungsvoller Gestaltung wird.